Unvergessliche Momente - Im Mai 1993 sichert Werner Brugger den Vöhringer Handballern mit einem kuriosen Treffer in letzter Sekunde den Klassenerhalt in der Regionalliga
Aus der Illertisser Zeitung vom 15.9.26
Mit freundlicher Genehmigung von Roland Furthmair
Rauschende Siege, bittere Niederlagen, Jubelorgien, Tränen, bebende Stadien und Hallen. Es gibt sie im Sport, diese legendären und unvergesslichen Spiele und Momente, über die Protagonisten und Fans noch Jahre später reden. "Weißt du noch . . . ?"
„Bruggers Traumtor wird in die Geschichte eingehen“ - „Karneval im Karl-Eychmüller-Sportpark“ - „In allerletzter Sekunde Regionalliga gesichert“ oder „Fürs Geschichtsbuch der SCV-Handballer“ - Archiv-Auszüge aus den Presseberichten vom Regionalliga-Klassenerhalt 1993 in letzter Sekunde lassen nach 33 Jahren den Puls immer noch steigen.
Nach sechs erfolgreichen Jahren mit Meisterschaften und immerhin drei Aufstiegen war an jenem 30. Mai 1993 der Klassenerhalt schon im ersten Regionalliga-Zugehörigkeitsjahr stark gefährdet. Doch der alles entscheidende Siegtreffer von Werner Brugger gegen den Abstiegskonkurrenten TSV Ansbach zum 21:20- Endstand im Spiel für eine zweite Saison in Deutschlands dritthöchster Liga ging bereits vor über drei Jahrzehnten "als Jahrhunderttor in die Vereinsgeschichte" ein.
Als SCV-Berichterstatter und Fotograf ist mir in dieser über 40jähriger Tätigkeit mit etlichen Meisterschaften und Aufstiegen dieses "Herzschlagfinale" bis heute wie kein anderes Sportereignis im Gedächtnis geblieben. Große Kulissen mit entscheidenden Spielen und über 500 Tribünengästen gab es zwischendurch immer mal wieder, aber nach einem mehrmaligen Drei-Tore-Rückstand (zuletzt beim 16:19) in der Endphase reichte der 20: 20- Ausgleich von Thomas Bachner in der Schlussminute immer noch nicht zum Klassenerhalt. Drei Sekunden vor der Schlusssirene und dazu noch in Unterzahl erreichte ein Einwurf von Linksaußen Winfried Gogg mit vollstem Risiko quer über das Spielfeld Rechtsaußen Christoph Koßbiehl, der in Kempa-
Manier direkt verwandelt werden sollte. Koßbiehl wurde gefoult, die Uhr ist abgelaufen, der erhoffte Siebenmeterpfiff blieb jedoch aus, lediglich ein Freiwurf wurde den Illertalern noch zugestanden. Die reguläre Spielzeit war bereits abgelaufen, auf den Sitzplätzen hielt es schon längst niemand mehr, der Freiwurf musste direkt ausgeführt werden, aber von wem?
Zumindest den Ansbacher Aktiven war klar, der bis dahin elffache Torschütze Zsolt Kovacsevics wird die Verantwortung übernehmen und werfen. Anweisungen von der SCV-Bank drangen nicht mehr bis zu den Spielern durch, hätten wohl auch nichts genutzt. „In dieser Hektik hat mich der Christoph Koßbiehl ermutigt die Verantwortung zu übernehmen, da blieb nicht mehr viel Zeit zu überlegen“, erinnert sich der damals 30jährige Spielmacher Brugger, im Verlauf der Saison erst wieder reaktiviert nachdem der Klassenerhalt gefährdet schien.
Die "Ansbacher Mauer" konzentriert sich auf den bis dahin bereits mit elf Treffern erfolgreichstem Vöhringer Torschützen Zsolt Kovacsevic, wer sonst?
Als aus der Vöhringer Spielertraube mehrere hochstiegen und einen Wurf antäuschten hat sich Werner Brugger längst den Ball geschnappt, drehte sich um die gegnerische Mauer und erzielte das Traumtor zur Vöhringer Vereinsgeschichte - ein weiteres Jahr Regionalliga- Zugehörigkeit war gesichert. "So einen Treffer kann man nicht trainieren oder einstudieren, den haut man einfach rein" war Bruggers Kommentar unmittelbar nach Spielende.
Der ansonsten nervenstarke Stammtorhüter und Mannschaftskäpitän Klaus Bertele kam diesmal zwar nicht zum Einsatz (Stefan Keinert hatte im Tor begonnen und einen Glanztag erwischt), hat nach eigenen Angaben "aber die letzten zwei Minuten nur an die Wand gestarrt und nichts mitbekommen".
Am Tag darauf war Jahrmarkt in Vöhringen, Bürgermeister Karl Janson ( gelegentlicher Tribünengast bei Heimspielen) hat mich vor seiner Begrüßungsansprache heran gewunken und ließ sich die Schlussphase nochmal detailliert schildern. Der Besucherapplaus nach seinen Grußworten galt erneut den SCV-Handballern, von denen morgens um 10 Uhr tatsächlich mindestens einer anwesend war. „Ich habe tatsächlich noch nie so zeitig den Frühjahrsmarkt besucht, aber nach dieser Nacht musste ich einfach nochmal unter die Leute, denn ich war echt stolz Teil dieser Mannschaft sein zu dürfen“, so der nach seiner aktiven Zeit noch acht Jahre lang Abteilungsleiter der SCV-Handballer Werner Brugger.
In der Woche vor diesem prekären Schlüsselspiel hatten Zweifel oder Pessimismus keinen Platz im Wortschatz von Abteilungsleiter Siegfried Scheffold: „Über Relegation oder Abstieg wurde nie geredet, die Statistik spricht für uns, deshalb werden wir auch gewinnen“. Somit nachvollziehbar und nicht gerade alltäglich bei Regionalligisten saß bei diesem Schicksalsspiel dann „der Sigge“ mit auf der Spielerbank.
Als Berichterstatter war es nach dem Spiel kaum möglich an den Zeitnehmertisch zu gelangen um das Spielprotokoll ab zu fotografieren um an die Daten zu kommen. Längst waren unzählige Tribünengäste auf dem Spielfeld um mit den Spielern zu feiern. Jubelbilder und erste Interviews mit den Akteuren zu bekommen war eine Herausforderung. Meine größte Sorge galt dem eingelegten Schwarz- Weiß-Film ob der noch ausreicht? Jetzt den belichteten Film zurückspulen und einen neuen einlegen - schier unmöglich.
Irgendwie klappte es dennoch Fotos und Interviews auch ohne die heutige Technik nur mit Block und Stift zu bekommen um heute noch mit Zeitzeugen von „damals“ ins Gespräch zu kommen beim . . . „Woisch no . . .“
Ein Tor für das Geschichtsbuch
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